Die Nordumfahrung oder das Märchen vom fließenden Verkehr

Wedel entschleunigen

 

Ein solcher Neubau der B 431 hätte genau einen Vor-, dafür aber zahlreiche Nachteile. Der Vorteil wäre, dass die Anwohner in der Altstadt endlich von einem Teil des Verkehrs entlastet würden – nur von einem Teil deswegen, weil lediglich der Durchgangsverkehr zwischen den H-Dörfern und Hamburg die neue Trasse nutzen würde. Wer hingegen zur S-Bahn, in die Bahnhofstraße oder Richtung Elbufer/Schulauer Hafen möchte, würde den alten Straßenverlauf auch weiterhin nutzen.

Eine spürbare Entlastung der Altstadt wollen wir auch, und dafür haben wir konkrete Ideen. So müsste zusätzlich zu Tempo 30 ein Nachtfahrverbot für Lkw eingeführt werden; außerdem stehen auf unseren Antrag hin bereits Planungsmittel für eine autofreie Rad- und Fußwegverbindung zwischen Rathaus und Roland zur Verfügung, die anschließend weiter Richtung Wedel-Nord und Holm geführt werden soll. Die Nachteile sind hingegen vielfältig und ausschlaggebend für unseren Standpunkt:

* Belastet würden dafür Wedeler Bürger*innen im zukünftigen Wedel-Nord, an Pinneberger Straße, Breiter Weg und im Autal durch Lärm, Schadstoffe und Blechlawinen. Auch die Menschen längs der Rissener Straße hätten weiterhin kein Bisschen weniger Verkehr vor ihrer Haustür.

* Es gäbe mindestens zwei neuralgische Punkte, an denen es regelmäßig in beiden Richtungen zu massiven Rückstaus kommen würde, nämlich vor den Bahnschranken und an der Kreuzung Autal/Rissener Straße/Rudolf-Breitscheid-Straße.

* Die neue Straßenführung stellte einen erheblichen Eingriff in zwei Naherholungs- und Schutzgebiete dar, nämlich längs der Holmer Sandberge und quer durch das Tal der Wedeler Au.

* Die Kosten wären gigantisch; momentan ist von 37,5 Mio. Euro die Rede, davon 10 Mio. für eine kreuzungsfreie Bahnquerung – und jeder weiß, dass solche Großvorhaben am Ende ganz schnell das Doppelte oder Dreifache der anfänglichen Schätzungen kosten. Die Hoffnung, dass der Bund einen Großteil davon bezahlt, ist pure Träumerei, denn die Nordumfahrung steht nur in der zweithöchsten Kategorie des Bundesverkehrswegeplans, und Geld ist in den kommenden Jahren höchstens für die Projekte der allerhöchsten Kategorie eingeplant. Ein Landesminister, der das bestreitet, behauptet wider besseres Wissen Falsches.

* Schließlich ist es seit Jahrzehnten in der Verkehrswissenschaft anerkannte Tatsache, dass solche Arten von Straßenaus- bzw. -neubau sogar zusätzlichen Autoverkehr anziehen, weil z.B. Pendler oder Berufskraftfahrer sich ein besseres Durchkommen als auf anderen Strecken (etwa der LSE) erhoffen. Statt eine Zusammenarbeit mit uns Grünen im Sinne einer modernen Verkehrsgestaltung anzustreben, verrennen sich CDU und FDP in dieses völlig veraltete verkehrsplanerische „Allheilmittel.

Die Verkehrspolitik der Vergangenheit zeichnete sich dadurch aus, dass man den wachsenden motorisierten Individualverkehr durch den Bau neuer und größerer Straßen zu beherrschen versuchte. Was dabei herauskam, war eine Zunahme des Flächenverbrauchs und der Landschaftszerstörung, ein Anstieg von Lärm und Abgasemissionen sowie ein weiterer Zuwachs des Straßenverkehrs. Welche Möglichkeiten dagegen gerade die Maßnahmen für Wedel bieten, die den Verkehr entlasten, wird leider noch vielfach unterschätzt. Moderne Autoverleihsysteme und Carsharing per App, der starke Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und die erhebliche Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur sind für uns die wichtigsten Eckpunkte moderner Verkehrspolitik.

Wir Grüne orientieren uns an den Vorbildern moderner Städte, in denen der Autoanteil durch eine zukunftsfähige Verkehrsplanung nach und nach zum Vorteil aller reduziert wird. Wir möchten Wedel aus der Sackgasse herausführen, in die uns die Verkehrsplanung der vergangenen Jahrzehnte geführt hat und von der längst klar ist, dass sie auch für die Zukunft keine Perspektive sein kann. Egal ob Durchgangs-, Ziel- oder Quellverkehr: Solange das Potenzial, das die Verkehrsvermeidung derzeit bietet, nicht ausgeschöpft ist, wird es mit den Grünen keine Nordumfahrung geben, weil man nur durch weniger Autoverkehr wirklich weniger Unfälle, Lärm, Staus, Abgase und damit auch Klimaschutz erzielen kann.

Rainer Hagendorf & Olaf Wuttke

Bild: Rainer Hagendorf

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